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 | Erg Oriental: Fast alle Autos fuhren freiwillig in die Dünen |
 Nach dem Ruhetag in Ksar Ghilane und der schönen 25-Jahr-Party mit Feuerwerk (siehe Extra-Artikel) ging es am Samstag in den Süden - in das Ölfördergebiet El Borma. Nach der "Grand Erg Marathonrally" im Mai diesen Jahres ist die Erg Oriental somit die zweite tunesische Amateurrally, die sich weit in den Süden vorwagt - am Sonntag soll es sogar bis an die libysche Grenze gehen.
Entsprechend lang wurde der Tag, auch wenn offiziell nur eine längere Pistenetappe über 270 Kilometer Wertung auf dem Programm stand. Diese führte durch stetig wechselnde Landschaften, zuerst am Erg Oriental Dünengürtel vorbei (dem Namensgeber der Rally), dann in ein schönes felsiges Tal mit vielen Sandverwehungen und schliesslich auf "Autobahn-ähnlichen" Pisten immer zwischen den gigantischen Dünen entlang bis in die Industrie-Oase El Borma. "Wunderschöne Etappe, klasse Landschaft" hiess es am Abend einstimmig von den Teilnehmern, "schnell und doch anspruchsvoll".
Entgegen den Planungen der Organisation konnten es die meisten Teilnehmer anscheinend nicht abwarten, endlich in die Dünen zu kommen: Fast das gesamte Feld machte einen Navigationsfehler und fuhr nicht wie geplant auf der Piste, sondern auf der falschen Seite der schwarzen Öl-Pipeline direkt in ein grosses und besonders schwieriges Dünengebirge. "Ein GPS-Punkt wies in die Richtung. Es kam uns dann komisch vor, das es bis zum Ziel nur noch 40 Kilometer sein sollten - während laut Roadbook noch 90 Kilometer zu fahren waren" berichtet Matthias Krüger vom Daktec-Team. "Wir sind einfach den falschen Spuren gefolgt und steckten dann plötzlich im tiefsten Dünen-Schlamassel".
Allerdings entdeckte Krüger wie auch das slowenische Mercedes-G Team Krivic/Goriup den Fehler schnell, beide Teams fuhren auf die Piste zurück und erreichten entsprechend schnell noch das Ziel. Anderen erging es da anders: "Extrem schwere Dünen, wir mussten richtig kämpfen" so Mercedes Pilot Jörg Sand, "aber wir sind komplett durchgefahren". Andreas Wulf und Anja Bork hingegen kehrten um, nicht aber, ohne vorher noch einigen feststeckenden Teilnehmern zu helfen: "Am besten war jedoch, das unser Nissan Navara nach diversen Umbauten gegenüber dem Vorjahr nun viel besser durch die Dünen kommt, selber haben wir uns nicht einmal eingegraben" freut sich der Lübecker Pilot. Dr. Ulrich Müller und Beifahrer Dr. Michael Merkt ärgerten sich am meisten: "Wir lagen soweit vorne, mussten dann aber extrem in den Dünen kämpfen und drückten uns die Front ein wenig ein" so die Landrover-Piloten. "Neben der langen Zeit im Sand bekamen wir zudem eine Strafzeit, weil wir die Vorgabezeit nicht einhalten konnten."
Am Ende profitierten die Teilnehmer, die richtig fuhren und somit dem Rest ein Schnippchen schlagen konnten. So schafften es das Team Eisenmann/Wolfram mit ihrem Toyota auf den dritten Tagesplatz vor Mühmel/Lottermoser (Mitsubishi Pajero) und Schiller/Neubauer im Pinzgauer. Auch der zweite Pinzgauer des Teams Rohde/Möhrlein schaffte es so in die Top Ten. Riesen-Freude auch bei den Nissan-Pickup Piloten Dieter Fries und Rainer Märker. Ihr arg betagter Nissan "glänzte" bisher vor allem mit technischen Problemen und mangelnder Leistung, heute reichte es für Platz 9 in der Tageswertung.
An der Spitze lieferten sich wie in den vergangenen Tagen Andrea Mayer und Oliver Koepp ein heisses Duell. Allerdings geht es für Koepp mehr um die Ehre, sich mit der Bayerin zu messen - sie nimmt nämlich offiziell gar nicht in Wertung teil. Mayer ist Besitzerin einer FIA-Lizenz und mit dieser darf sie nur in Ausnahmefällen auf Amateurrallys starten. Die Genehmigung wurde im Fall der Erg Oriental nur zu "Testzwecken" ausgestellt, somit ist die Erg Oriental für Mayer ein letzter grosser Rally-Test vor der für sie anstehenden UAE Desert Challenge in Dubai Anfang November.
Dennoch zeigt Andrea Mayer, was sie kann - und das eindrucksvoll. "Heute war es einfach der Wahnsinn" berichtet sie im Camp, "zwei Kilometer vor dem Ziel zerfetzten wir uns einen Reifen. Allerdings hatten wir Oliver Koepp im Nacken und ich wollte ihm die Spitzenposition nicht schenken. Und so entschied ich entgegen des Wunsches meines Beifahrers, die letzten Kilometer mit dem kaputten Reifen zu fahren. Verrückt, nur 20 Sekunden vor Oliver haben wir das Ziel schliesslich erreicht!"
Auch Koepp zeigte sich beeindruckt: "Wir sahen sie schon, hingen ihr schon den ganzen Tag im Nacken und mussten uns zuerst an sie herankämpfen. Aber auch wir hatten nach einer nicht im Roadbook verzeichneten Gefahrenstelle einen Reifenschaden, verloren aufgrund einer kaputten Felge langsam Luft. Wir haben dann unsere Reifenfüllanlage auf Dauerbetrieb eingestellt und es so noch 70 Kilometer mit dem defekten Rad bis ins Ziel geschafft. Andrea ist eine Wahnsinnsfahrerin, eine Megaleistung, das sie es mit dem völlig in Fetzen hängenden Reifen noch vor uns ins Ziel schaffte - und das mit nur 20 Sekunden Vorsprung!"
Die besagte Gefahrenstelle wurde noch so manch anderem Teilnehmer zum Verhängnis: So überschlugen sich zwei Motorräder (keine Verletzten, fahren Sonntag weiter), ein Pinzgauer katapultierte sich spektakulär 1,50 Meter in die Luft. In einer schwer einsehbaren Senke wartete ein ausgewaschener Graben - dieser war auch als Gefahrenstelle im Roadbook markiert - allerdings zwei Kilometer zu früh. "Ich kam mit knapp 90 km/h mit meinem schweren MAN TGA 8x8 an die Stelle, aufgrund meines hohen Fahrerhauses konnte ich die Senke aber viel eher einsehen und noch rechtzeitig bremsen" berichtet Lkw-Pilot Normann Bock. Zum Glück hatte die Organisation immer wieder darauf hingewiesen, das unbedingt auf Sicht zu fahren sei - somit blieben am Ende grössere Schäden aus, da die meisten Teilnehmer noch entsprechend rechtzeitig ausweichen oder bremsen konnten.
Am morgigen Sonntag wird es besonders spannend für die Teilnehmer. Nach 60 Kilometern Piste geht es in die grossen, Libyen-ähnlichen Dünen am Rande der libyschen Grenze. Hoch, fest, schräg - und schnell zu fahren. Über 130 Kilometer Dünen am Stück, entsprechend setzte die Organisation die Vorgabezeit auf 10 Stunden hoch. Sollte die Online-Übertragung am Sonntag etwas später kommen - Sie wissen jetzt, warum :-)
Artikel vom 14.10.2006, Artikel: Erg Oriental Live Team/hs

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